Freitag, 6. Februar 2015

Darf ich das sagen?


Unfertige Gedanken über die Freude, Wahrheit auszusprechen

Vor einigen Tagen habe ich eine interessante Beobachtung gemacht. Ich war mit einem lieben Freund im Kino, und danach noch in einer Bar. Unser Gespräch drehte sich um den Film, den wir gerade gesehen haben (The Imitation Game – große Empfehlung!) und von da aus haben wir über Gesellschaft und Philosophie schwadroniert, und worüber idealistische Studenten eben so reden.
Ich kann gar nicht mehr genau rekapitulieren, worüber wir genau geredet haben, als ich einen Gesprächsfaden aufnahm, den mein Freund gerade fallen gelassen hatte, und noch bevor ich meinen Gedanken aussprechen konnte sagte er: „Warte, warte, warte. Genau das denke ich auch. Darf ich es sagen, bevor du es aussprichst?‟
Wir haben herzlich darüber gelacht, weil wir Freunde sind, und weil die Situation so skurril war. Aber es hat mich zum Nachdenken gebracht. Was ist es, dass es uns solche Freude macht, Wahrheit auszusprechen, oder zumindest das, was wir als Wahrheit erkannt haben?
Mittlerweile bin ich zu dem Ergebnis gekommen, dass es zwei Dinge gibt, die uns dazu bringen, Wahrheit aussprechen zu wollen. Zum Einen sind wir als Menschen auf Wahrheit hin angelegt. Wir suchen nach Wahrheit, und können ohne auch nicht leben. Zum Anderen ist Wahrheit auszusprechen eine Form von Anbetung, und wenn es richtig gemacht wird, auch voller Liebe und Gnade. Wir lieben es, Wahrheit auszusprechen, weil sie uns an Gott erinnert. Und das ist etwas Gutes.

Der Mensch – auf der Suche nach Wahrheit
Meine konservativeren Freunde sind selten müde mich zu erinnern, dass wir in der westlichen Welt ein riesiges Problem mit Relativismus haben. In merkwürdiger Weise haben wir eine Antipathie gegen absolute Wahrheit entwickelt, die nicht mehr ganz rational nachzuvollziehen ist.
Und auf der einen Seite würde ich dem zustimmen. Nominell begegne ich erstaunlich vielen Relativisten. Wenn ich davon rede, etwas als Wahrheit erkannt zu haben – schlimmer noch, wenn es sich dabei um Gott handelt – dann höre ich meist erschrecktes Luftholen, zischendes Ausatmen, und empörtes „Hände vor dem Mund zusammenschlagen‟.
Aber ich glaube, dass es sich dabei vor allem um eine antrainierte Reaktion handelt, die wir schon mit der Muttermilch von der Gesellschaft aufnehmen, aber tatsächlich eigentlich den Drang des Menschen nach Wahrheit und der Erkenntnis untergräbt.
Wir erkennen das nicht zuletzt an der kulturellen Mode zum veganen oder vegetarischen Lebensstil (womit ich in keiner Weise bezweifeln will, dass es wirkliche, überzeugte Veganer und Vegetarier gibt; gleichzeitig aber auch nicht leugnen kann, dass es durchaus eine kulturelle Bewegung dahin gibt). Es ist oftmals interessanter Weise vergleichbar mit einem pietistischen Bekehrungserlebnis, wenn Neu-Vegetarier beginnen, von den Gründen zu erzählen, aus denen sie auf Fleisch verzichten wollen. Das liegt nicht zuletzt daran, dass Wahrheit immer auch identitätsstiftend ist. Eine Wahrheit erkannt zu haben, ist dabei gleichbedeutend damit, einen Sinn zu bekommen – und sei es nur kurzzeitig. Durch das Erkennen von Wahrheit heben wir die Verlorenheit des Paradieses, die Milton in seinem bekannten Gedicht so stark beschreibt, auf, weil sie uns einen Sinn dafür gibt, warum wir eigentlich sind.
C.S. Lewis hat dieses Charakteristikum auf den Punkt gebracht, wenn er in seinem Essay „Menschen und Kaninchen‟ vom Unterschied zwischen Menschen und Tieren spricht:

„One of the things that distinguishes man from the other animals is that he wants to know things, wants to find out what reality is like, simply for the sake of knowing. When that desire is completely quenched in anyone, I think he has become something less than human.‟ (Quelle)

Das mag auch der Grund dafür sein, dass die meisten von uns sich nicht damit zufrieden geben wollen, ein allumfassendes Gefühl von Geliebtsein zu haben, sondern einen Menschen finden müssen, von dem wir genau das wissen. Es liegt keine Befriedigung darin, anzunehmen oder zu ahnen, dass wir angenommen oder geliebt sind.
Wenn wir keinen Menschen finden, von dem wir dieses Wissen besitzen – durch seine oder ihre Worte, durch seine oder ihre Handlungen und durch die gemeinsamen Erinnerungen und Zeiten – dann versuchen wir uns, die Sicherheit über dieses Gefühl anderweitig zu erarbeiten; indem wir uns der Bedeutung unseres Lebens sicher werden, weil wir unabdingbar bei der Arbeit sind, oder weil wir genug Macht auf uns vereinen, dass andere Menschen sich mit uns abgeben müssen, oder weil wir uns Wochenende für Wochenende dessen versichern, dass unsere sexuelle Energie für andere Menschen unwiderstehlich ist.
Damit kommen wir an den Punkt, wo Wahrheit weitaus mehr ist, als ein philosophischer Gedanke, sondern etwas, das an unsere Menschlichkeit heranreicht. Wahrheit zu erkennen und zu finden ist etwas, das uns als Mensch ausmacht, und nicht nur in abstrakten oder politischen Dimensionen über uns schwebt, sondern in die intimsten Bereiche unseres Lebens eindringt.

Der Mensch – auf der Suche nach Gott
Aber am Ende war die Situation nicht nur von dem Durst danach geprägt, Wahrheit zu erkennen, oder zu wissen, sondern von einer diebischen Freude daran, genau diese auszusprechen. Aus einem bestimmten Grund scheint es etwas mystisches zu haben, Wahrheit nicht nur zu wissen, sondern sie auch auszusprechen. Das wird deutlich, wenn wir versuchen, uns eine Hochzeitszeremonie vorzustellen, in der die Heiratenden, anstatt laut und deutlich „Ja!‟ zu sagen, nur nickten. Oder eine Taufe, in der die Täuflinge nicht „vor der sichtbaren und unsichtbaren Welt bekennen‟ würden, dass sie von diesem Tag an zum Nazarener gehören wollen, sondern sich in den Gedanken klar machten, dass sie folgen wollen.
Nichts davon hätte die Kraft, die Symbolik, die ausgesprochene Wahrheit hat.
Als ich mir über diese Kuriosität Gedanken gemacht habe, fiel mir ein Vers aus Ps 119 ein: Wie köstlich sind deine Worte im Mund, / wie Honig bekommen sie mir. (V103). Was der Psalmist an dieser Stelle zu sagen scheint, ist, dass die Worte – zumindest aus seiner Perspektive Wahrheit – eine positive Wirkung auf ihn haben. Ich denke, dass es dabei um eine Dimension von Lobpreis geht.
Das Problem, das ich bei mir und Freunden oft gesehen habe, wenn Glaubenskrisen sich nähern, ist die typische Antwort, wenn man mit Glaubenswahrheiten konfrontiert wird. „Das weiß ich ja alles schon.‟
Als ob nur etwas helfen kann, was neu ist, etwas, das man bis dato noch nicht wusste. Aber ich denke, dass das Aussprechen von Wahrheiten, einst bekannt, einst geliebt, einst gehortet wie einen Schatz in der Seele, eine Kraft für die eigene Spiritualität haben kann.
Das ist auch der Grund, wieso ich in Zeiten, in denen ich morgens nicht aufstehen will, weil mir alles zu finster erscheint, mir einige Minuten nehme, in denen ich mir selbst das Evangelium sage. Ausspreche.
In mir selbst bin ich sündiger, als ich jemals gedacht hätte,
aber in Christus geliebter, als ich auch nur zu hoffen gewagt hätte.
Glaubst du das, Marcus?
Und noch einmal.
Es liegt eine Kraft darin, sich selbst die Wahrheit zu sagen. Nicht, weil es eine Art Zauberspruch wäre, ex opere operato, sondern weil alle Wahrheit Gottes Wahrheit ist. Und Wahrheit auszusprechen erinnert uns daran, dass es einen absoluten Maßstab gibt, dass es überhaupt ein Absolut gibt, das standhaft ist im Schweben der Gesellschaft und Zeit um uns herum.
Darin liegt auch ein seelsorgerlicher Aspekt von Wahrheit. Wir sprechen sie aus, lassen sie uns gegenüber aussprechen, weil sie gut ist. Weil sie von Gott kommt. Und wo Gott ist, da ist eben Gott.
Nicht, weil wir Besserwisser sein wollen (zumindest hoffentlich nicht deswegen).
Sondern, weil Wahrheit heilsam ist.
Nicht, weil uns die Korrektur des Anderen so gut schmeckt.
Sondern, weil Wahrheit süß ist, wie Honig, für den Sprechenden, und für den Hörenden.

God Bless,

Restless Evangelical

Kommentare:

  1. Oh ja. Wohltuende Wahrheiten, die Sehnsucht nach mehr machen - nach mehr Wahrheit, die heilsam und klärend und identitätsstiftend ist.
    Spannend, dass göttliche Wahrheit auch, aber ganz anders relativ zu sein scheint, wenn Jesus sagt "Ich bin die Wahrheit" und damit Wahrheit in Beziehung zu sich selbst setzt. Wenn ich das lese und denke, habe ich zuerst ein Gefühl von: "na super, das macht es nicht einfacher..." und dann denke ich: "Ja, das passt. Zu allem, wie ich Gott annähernd kenne, wie er handelt und redet, liebt, entscheidet, sich auf uns einlässt, zeigt, vergibt... ".
    Könnte man sagen: "Es gibt absolute Wahrheit.", wenn/ wobei Gott Wahrheit ist und damit Wahrheit eine Person ist anstatt von sachlichen, überprüfbar zutreffenden Aussagen und Prinzipien? (- dabei berücksichtige ich gerade weniger die ursprüngliche Bedeutung des Wortes "absolut" als mehr diejenige Bedeutung, die ich gerade im Kopf habe, die meint, dass etwas fest und unumstößlich, vollständig, tiefgreifend und verlässlich ist)
    Oder ist es dann vielleicht eigentlich gar nicht mehr so wichtig, von "absoluter" Wahrheit zu sprechen, weil der, auf den man sich stattdessen scheinbar wahnwitziger Weise als eine Person verlässt, noch verlässlicher ist als jede wissenschaftlich nachweisbare oder offensichtlich logische, zutreffende Aussage?
    Ich schätze, das könnte noch beruhigender sein, wenn man ihm mehr vertrauen würde...
    ...und wenn man das noch mehr täte und ihn dann noch mehr seine gute, heilsame, überführende und "wiederherrichtende" Wahrheit über sich aussprechen lassen würde, könnte man dann wohl noch viel sicherer, befreiter und zuversichtlicher leben?
    Das weckt Sehnsucht :)

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    1. Danke für den Kommentar, Angie :) Sehr bewegend.
      Nur ich komme nicht ganz mit, wenn die "harte" Linie gezogen wird zwischen Wahrheit als Wissensfakt, und Wahrheit als Person. Die Beziehung zu Christus ist ja traditionell geprägt von dem Wissen über ihn (Glaubenswahrheit, das "Was" des Glaubens) und Wissen von ihm (Beziehung, das "Wie" des Glaubens). Dabei muss wohl beides zusammengehalten werden. Weder erkennen wir irgendetwas Nennenswertes ohne die befreiende Beziehung zu Christus ("Ich glaube an die Auferstehung, wie ich an die Sonne glaube. Nicht, weil ich sie sehe, sondern weil ich durch sie alles Andere sehe" - C.S. Lewis). Gleichzeitig gehört Erkenntnis über ihn zur Beziehung zu ihm. Und das ist ja auch durchaus erkennbar in unseren menschlichen Beziehungen. Wie kann ich mich in eine Frau verlieben, wenn ich nicht weiß, wo sie herkommt, oder was ihr Name ist, oder wichtiger, ob sie Vegetarierin ist, wenn ich für sie koche? Welche Musik sie mag, wenn ich sie auf ein Konzert ausführen will? Welche Schriftsteller sie liebt, wenn ich ihr einen Brief schreiben will? Fakten, die meine Beziehung zu ihr reicher machen. Nicht ausmachen, aber reicher machen.

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